Chronologisch war gestern

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Es begab sich vor einiger Zeit im Fischladen zu Berlin-Friedrichshain, dass Wuttke – wie so oft – die Kneipe betrat. Doch diesmal tat er so, als ob er eine oft nur angedeutete Entscheidung tatsächlich gefällt hätte und verkündete feierlich-geheimnisvoll, dass er sich nach seinem vorerst letzten „Kneipenschnaps“ für ein volles Jahr in seine vier Wände zurückziehen werde.

Nach Ablauf dieses Zeitraums – so der Plan – werde er dann mit Antworten auf die uralten Fragen der menschlichen Existenz zurückkehren. Doch Wuttke redete viel, wenn der Tag lang war. Von Kunst-Projekten, Polit-Kampagnen, Büchern, die er bald schreiben werde etc. pp. Mit anderen Worten: Wenn er sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, zog er das eigentlich nie durch. Doch in den folgenden Wochen blieb Wuttkes Bar-Hocker leer. Zwei Monate vergingen, doch Wuttke tauchte kein einziges Mal im Fischladen auf. Sollte er es diesmal wirklich durchziehen?

Wuttke wollte keinen Besuch. Konnte man ihn nicht einfach sich in Ruhe der Kontemplation hingeben lassen? Telefon, Türklingel, Steuerbescheid. Irgendetwas is immer…. Er lugte misstrauisch durch den Türspion. Aber dann war er doch erfreut die drei vertrauten Gesichter aus dem Fischladen zu sehen und öffnete. Seine 1-Zimmer-Wohnung war nicht wieder zu erkennen. Wie kann ein Mensch sich nur so gehen lassen? Er redete viel und hatte ein kariertes Tuch um den Kopf gewickelt. Nach einer Weile war seine Freude gewichen. Er hatte sich in Rage geredet. Das war früher im Fischladen zur fortgeschrittenen Stunde eigentlich immer passiert. Kenner des kiezbekannten Kneipenphilosophen wussten: Jetzt ist Zeit das Weite zu suchen!

Wuttke hatte tatsächlich sein philosophisches Jahr zur Vollendung gebracht. Er zog die Vorhänge seiner verwahrlosten Wohnung wieder auf und gab per Einschreiben bekannt, dass er, man könne sagen, „Zwischenergebnisse“ auf die großen uralten Fragen unserer Existenz erzielt hatte. Er müsse sich jedoch ab sofort und auf unbestimmte Zeit auf Weltreise begeben, um die Kraft seiner Gedanken zu stählen und so die Fähigkeit zu erlangen, Raum und Zeit zu überwinden. Kurz vor seiner Abreise trat er noch einmal in den Fischladen und erteilte den drei Bekannten förmlich und öffentlich den Auftrag, eine Band in seinem Namen zu gründen und seine Lehren in die Welt zu tragen.

Wann Wuttke nach Berlin zurückkehren wird und ob er dann eine Therapie braucht oder schon der neue Siddartha ist, ist derzeit noch völlig offen. Fakt ist, dass die Geschichten, Kalauer und gesammelten Aphorismen Wuttkes das Fundament, die Seele und das Herz der Band Wuttke bilden. Zumindest konzeptionell, soviel kann man sagen, hatte Wuttke bereits das Prinzip der sich linear ausbreitenden Zeit hinter sich gelassen: Chronologisch war gestern.